Rückblick

Aus dem Alltag einer Schülerin

Rassistische Beleidigungen sind etwas, womit ich persönlich schon sehr früh konfrontiert wurde. So früh, dass ich damals noch nicht einmal wusste, dass es sowas überhaupt gibt.

In meinem Fall war ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt, als ich Ballett lernen wollte. Schon allein die erste Stunde war von fragenden Blicken der anderen Kinder geprägt. „Wieso bist du so dunkel?“, fragte mich eines der Mädchen. Was für eine Frage…Weil halt! Nach drei Monaten Unterricht wollte ich nicht mehr hin, ich fühlte mich ausgeschlossen von Mitschülern und selbst der Ballettlehrerin.

Später als ich endlich eingeschult wurde, war ich im Hinblick auf Rassismus immer noch unwissend, bis wir im Matheunterricht ein Arbeitsblatt als Hausaufgabe ausgeteilt bekamen. Die Überschrift war „Die 10 kleinen Negerlein“. Das soll übrigens auch der Titel eines alten Kinderliedes sein, in dem ein Kind nach dem anderen umgebracht wird oder stirbt. Auf den Blatt waren zehn Kinder mit dunkler Hautfarbe abgebildet. In einer Reihe aufgestellt, hielten sie sich an den Händen und liefen gemeinsam durch ein Feld.

Nichtsahnend nahm ich das Blatt mit nach Hause. Als meine Mutter dann daheim den Zettel sah, fragte sie mich, woher ich ihn hätte. Nachdem ich antwortete, nahm sie mir das Blatt weg und fing an, mir zum ersten Mal zu erklären, was das Wort „Neger“ bedeutet. Da es meiner Mutter unvorstellbar war, wie man Kindern im 21. Jahrhundert noch unterschwellig Rassismus in der Schule beibringen kann, machte sie sich noch am selben Nachmittag auf den Weg zu meiner Klassenlehrerin und suchte das Gespräch (Kurz: Sie machte ihr die Hölle heiß, sodass es aus dem Lehrplan gestrichen wurde.)

Damals wie heute scheint es mir Unsinn zu sein anzunehmen, ein Leben sei mehr wert als das andere, nur weil man eine andere Hautfarbe oder ein anderes Aussehen besitzt. Aber leider bin ich immer wieder Menschen begegnet, die einer anderer Ansicht waren. Sätze wie „Das Kind war bestimmt nur zu lange in der Sonne“, „Deine Mutter ist doch weiß, also bist du adoptiert“, „Bestimmt hast du dir mal gewünscht normal auszusehen“, „Aber Deutsch bist du nicht“ oder „Färbst du eigentlich ab?“ gehören zu meinen persönlichen Top Five.

Ich zumindest habe mich damit abgefunden Leuten immer wieder zu erklären, dass man Negerkuss heute nicht mehr sagen sollte oder dass man mich natürlich sehen kann, wenn es dunkel ist. Wenn es manche eben nicht besser wissen, erkläre ich es gerne, immerhin muss sie ja irgendwer aufklären.

Letztendlich muss man mit solchen Bemerkungen klarkommen. Menschen ändern sich oder ihre Ansichten nicht von heute auf morgen. Man selbst muss an einem bestimmten Punkt im Leben für sich entscheiden, ob man sich weiter unterdrücken und beleidigen lässt oder ob man für sich und andere einsteht. Denn es ist doch vollkommen egal, wie man aussieht oder wo man herkommt, wir alle sind eins, nämlich Mensch und das ist alles, was zählen sollte.

(Jona Koecher – ehemalige Schülerin, Abschluss 2016/17)